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Stand: Juni 2013

Wegen des hohen Bedarfs an leistbaren Wohnungen soll der gemeinnützige Wohnbau in Vorarlberg ausgeweitet werden und auch in Gemeinden Einzug halten, in denen es bisher noch keinen gab. Dagegen regen sich allerdings mancherorts kräftige Widerstände. Warum eigentlich?


Die Wohnkosten sind in den letzten Jahren stark gestiegen. Die Löhne nicht. Dieser Umstand hat zur Folge, dass sich immer mehr Menschen den privaten Markt nicht mehr leisten können und einen Antrag auf eine gemeinnützige Wohnung stellen. "Auch bei uns in Koblach gab es großen Bedarf", erzählt Bürgermeister Fritz Maierhofer, "und diesen Bedarf kann ich nicht ignorieren und auch nicht auf die Nachbargemeinden schieben, dem muss ich nachkommen, das ist eine Frage der Verantwortung." 

Bevor allerdings 2010 die erste gemeinnützige Wohnanlage mit zwei Gebäuden á zehn Wohnungen fertiggestellt wurde, gab es sehr viele Vorbehalte der Anrainer und es wurden sogar Unterschriften gegen das Projekt gesammelt. Man fürchtete, dass die Anlage zu groß geraten könnte, dass "Problemfälle" einziehen und dass Unruhe in der Nachbarschaft entsteht. Trotz intensiver Auseinandersetzung mit der Bevölkerung blieb eine gewisse Skepsis. Hat sie sich bestätigt? "Gott sei Dank nicht", zeigt sich Fritz Maierhofer erleichtert, die Anrainer leben heute in einem guten Nebeneinander, es läuft alles reibungslos."

»Ich bin alleinerziehende Mutter, arbeite halbtags beim Land Vorarlberg und wohne in einer gemeinnützigen 3-Zimmer-Wohnung mit 70 Quadratmetern. Mein Wunsch wäre eine etwas größere Wohnung mit Garten, aber die Lage mitten im Ort und die Hausgemeinschaft schätze ich so sehr, dass ich nicht wegziehen will. Wir helfen uns gegenseitig, halten zusammen und finden immer wieder Gelegenheit zusammenzusitzen, um zu feiern und uns auszutauschen.« 
Carmen Hammouda (Lochau) mit Niklas (13) und Julia (11)

Einwohnerzahlen schrumpfen bereits

Ähnlich sieht es in der Walgaugemeinde Thüringen aus. Hier sind zwei Kleinanlagen mit zehn bzw. zwölf Wohnungen in zwei Etappen geplant, die Abwicklung verzögert sich allerdings wegen der massiven Proteste aus der Nachbarschaft. "Es handelt sich um formelle Einwände, aber da spielen auch ganz viele Ängste mit", erklärt Bürgermeister Harald Witwer die Situation. "Wir hoffen, dass wir uns mit den Anrainern einigen können, denn der Bedarf an gemeinnützigen Wohnungen ist da. Auf unserer Wohnungswerberliste stehen vor allem junge Leute aus unserer Gemeinde, Familien und Singles. Wenn wir ihnen nichts anbieten können, ziehen sie früher oder später weg. Dieser Trend ist bereits spürbar: Thüringen hatte schon einmal mehr Einwohner als heute. Und zu meiner Schulzeit vor zirka 25 Jahren gab es hier noch acht Volksschulklassen, inzwischen sind es nur noch vier." 

Die Vorurteile gegenüber dem gemeinnützigen Wohnbau sind wohl auch mit ein Grund, warum es zurzeit in 46 der 96 Vorarlberger Gemeinden noch keinen gemeinnützigen Wohnbau gibt. "In der Praxis sieht es so aus, dass sich die Leute dort bewerben, wo sie eine Chance haben, also dort, wo der gemeinnützige Wohnbau bereits Fuß gefasst hat", erläutert Heidi Lorenzi, Leiterin des Bereichs Wohnen beim Institut für Sozialdienste. "Deshalb haben Bregenz und Dornbirn lange Listen, während andere Gemeinden melden, wenig oder keinen Bedarf zu haben. Würden diese Gemeinden aktiv auf ihre Bürger zugehen und ihrer Bevölkerung ein entsprechendes Angebot machen, sähe die Situation mit Sicherheit ganz anders aus." 

»Mir gefällt es sehr gut in unserer VOGEWOSI-Siedlung – alle sind höflich zueinander, Rabauken gibt es hier keine. Unsere Jüngste geht noch in die Schule, Kevin ist nur am Wochenende da und unsere älteste Tochter würde später gerne ausziehen. Eine Wohnung auf dem privaten Markt zu mieten, kann sie sich aber trotz Vollzeitbeschäftigung noch nicht leisten.«
Ingrid Schicho (Lustenau) mit Ehemann Markus und ihren Kindern Jennifer (25), Kevin (22) und Cheyenne (15)

Gibt es Ghettos in Vorarlberg?

Berechtigt ist die Angst vor dem Ghetto in Vorarlberg laut Heidi Lorenzi nicht: "Da jammern wir wirklich auf hohem Niveau. Bei uns gibt es keine Ghettos, wie man sie aus Großstädten in Amerika oder Deutschland kennt. Es gibt zwar auch in Vorarlberg vereinzelt Siedlungen, wo geballt viele Menschen mit vielen Problemen wohnen, aber das sind wenige Ausnahmen, das sind Altlasten, aus denen man gelernt hat. Heute sind die Anlagen klein und die Gemeinden gehen bei der Vergabe der Wohnungen sehr viel achtsamer vor. Im gemeinnützigen Wohnbau von heute wohnen großteils Leute wie du und ich. Trotzdem glaube ich, dass es auch für schwierige, für belastete Haushalte einen Platz geben muss. Aber man muss sich eben genau überlegen, in welcher Siedlung und in welcher Wohnung." 

Hans-Peter Lorenz, Geschäftsführer der VOGEWOSI, sieht im gemeinnützigen Wohnbau sogar eine große Chance für die Gemeinden: "Zum einen werden die gemeinnützigen Wohnungen von der Gemeinde vergeben, die somit ein gutes Instrument der Quartiersentwicklung in der Hand hat. Zum anderen kann durch günstigen Wohnraum der Abwanderung gegengesteuert werden: Die Grundmieten der gemeinnützigen Bauträger in Vorarlberg bewegen sich durch die hohen Förderungen im Neubau zwischen 5,60 und 6 Euro pro Quadratmeter inklusive Umsatzsteuer. Im privaten Bereich sind es mindestens zwei Euro mehr." 

Und die Problemfälle? "In Vorarlberg gibt es 15.800 VOGEWOSI-Wohnungen, darin leben rund 40.000 Leute und davon sind nur etwa 0,1 Prozent Problemfälle", relativiert Hans-Peter Lorenz. "Wir haben viele junge Leute, junge Familien, die günstige Startwohnungen brauchen, die sich (noch) keine Wohnung auf dem privaten Markt leisten können."

Bauplätze werden knapp

Und genau für diese jungen Leute will man jetzt in einigen kleineren Gemeinden der Vorarlberger Seitentäler gemeinnützige Wohnungen bauen – zum Beispiel in Bartholomäberg im Montafon. Geplant sind hier auf einer Fläche von 4.000 Quadratmeter 16 gemeinnützige Wohnungen mit der Möglichkeit für eine spätere Erweiterung. "Im ländlichen Raum braucht es dringend leistbaren Wohnraum, denn Bauplätze werden knapp und ein Einfamilienhaus zu bauen ist für viele unerschwinglich geworden. Außerdem gibt es nun einmal immer mehr Alleinerziehende und getrennt Lebende", erzählt Bürgermeister Martin Vallaster. "Der gemeinnützige Wohnbau ist im gesamten Montafon ein großes Thema. Wir wollen die Abwanderung junger Leute verhindern, zum Teil sind bereits fallende Einwohnerzahlen zu beklagen." Die Nachfrage in Bartholomäberg ist groß", auf der Wohnungswerberliste stehen zirka 20 Bewerber, fünf davon aus benachbarten Gemeinden. Baubeginn ist im Jahr 2014.

Und auch in der 365-Seelen-Gemeinde St. Gerold im Großen Walsertal wird es in absehbarer Zeit gemeinnützige Wohnungen geben. Auf 2000 Quadratmeter plant die VOGEWOSI eine kleine Anlage mit 6 Wohnungen, erweiterbar auf zehn Einheiten. "Ich hoffe, die Wohnungen sind 2014 bezugsfertig, dann haben wir jungen Familien eine gute Alternative zum Einfamilienhaus zu bieten." Denn um diese Familien geht es Bürgermeister Bruno Summer vor allem: "Unser Kindergarten hatte 2005 noch 14 Kinder, heuer waren es nur noch sechs. Diese Tendenz möchte ich umdrehen und unsere Gemeinde mit Leben füllen."

»Nach meiner Scheidung habe ich acht Jahre lang in einer gemeinnützigen Wohnung gelebt. So konnte ich mir trotz Unterhaltszahlungen eine geeignete Wohnung mit einem Zimmer für meine beiden Töchter leisten. Inzwischen wohne ich wieder in einem Eigenheim.«
Peter Weiskopf, Geschüftsführer Lebensraum Bregenz

Betreute Wohnungen für ältere Menschen

In der kleinen Bregenzerwälder Gemeinde Lingenau geht man das Ganze aus einer etwas anderen Perspektive an: "Was wir dringend brauchen, sind leistbare betreute Wohnungen für ältere Menschen", berichtet Bürgermeisterin Annette Sohler. "Auf diesen Bedarf reagieren wir mit einer gemeinnützigen Wohnanlage, die neben betreuten Wohnungen aber auch Platz für junge Familien bieten wird." Geplant ist eine Anlage mit 12–16 Wohnungen, die 2015 bezugsfertig sein sollen. So wie in St. Gerold und in Bartholomäberg gibt es auch in Lingenau bisher keine Vorbehalte aus der Bevölkerung. "Wir sind zwar noch in einer frühen Projektphase", meint Annette Sohler, "ich glaube aber, dass wir durch die überschaubare Größe grundsätzlich auf das Verständnis der Anrainer zählen können." Dazu kommt, dass man in diesen kleinen Gemeinden die Bewohner gemeinnütziger Anlagen meist schon vorab persönlich kennt.

Auch doppelverdienende Paare und Familien stehen auf der Liste

Aber es gibt auch große Gemeinden wie Lochau oder Lustenau, in denen der gemeinnützige Wohnbau von der Bevölkerung gelassen hingenommen wird. "Das liegt wohl daran, dass es bei uns die erste gemeinnützige Wohnanlage – eine ›Südtirolersiedlung‹ – schon seit dem Zweiten Weltkrieg gibt. Der gemeinnützige Wohnbau hat in Lustenau und in einigen anderen Vorarlberger Gemeinden eine lange Tradition und wird daher nicht als Bedrohung angesehen", vermutet Hanno Fäßler, der im Lustenauer Rathaus für die Vergabe gemeinnütziger Wohnungen zuständig ist. "Ich glaube, die meisten Lustenauer wissen gar nicht so genau, welche Anlage privat und welche gemeinnützig ist."

In Lustenau stehen derzeit zirka 300 Bewerber auf der Liste, pro Jahr werden etwa 80–100 Wohnungen vergeben, es kann also nur der dringendste Bedarf gedeckt werden. Und wer steht auf der Liste? "Menschen, die in Lustenau wohnen oder arbeiten. Junge und Alte, Familien und Singles, Einheimische und Migranten, Menschen mit und ohne Behinderung – ein Spiegelbild der Gesellschaft eben," fasst Hanno Fäßler zusammen, "in den letzten Jahren ist aber durch die steigenden Wohnpreise eine neue, wachsende Gruppe dazugekommen: junge, zum Teil doppelverdienende Paare und Familien."

»In unserer Gemeinde ist eine gemeinnützige Anlage mit leistbaren betreuten Wohnungen geplant – in unseren Augen ein sehr schönes Projekt. Wir haben uns für eine der Wohnungen vormerken lassen, weil wir etwas Kleineres möchten und für die Zukunft gewappnet sein wollen. Dass es in derselben Anlage auch Startwohnungen für junge Familien geben wird, stört uns nicht. Im Gegenteil.«
Herbert Wachter (63) und Ehefrau Marlies (61) aus Lingenau

Eine Chance, um brennenden Fragen zu diskutieren

Der Grund, warum sich beim Thema gemeinnütziger Wohnbau zuweilen die Gemüter erhitzen, liegt laut Sozialgeograf Christian Reutlinger von der FHS St. Gallen, Hochschule für Angewandte Wissenschaften, tief unter der Oberfläche: "Da werden große gesellschaftliche Fragen über den gemeinnützigen Wohnbau thematisiert: Überalterung der Gesellschaft, Familienfreundlichkeit, Bildungschancen, gerechtes Einkommen, das Verhältnis zwischen In- und Ausländern, Fragen der Macht. Der gemeinnützige Wohnbau ist also eine Chance, wichtige, brennende Themen zu diskutieren. Und schlussendlich geht es eigentlich um die Frage: Was wünschen wir uns in Zukunft für eine Gesellschaft?"

"Ich wünsche mir eine", so Karl Ladenhauf von der Wohnbauförderung des Landes Vorarlberg, "in der ganz selbstverständlich auch Menschen in schwierigen Lebenslagen gut wohnen dürfen. Das ist ein gesamtgesellschaftlicher Auftrag. Die Wohnversorgung ist eine grundsätzliche Bedingung für die Entwicklung jedes Menschen und das Recht auf Wohnen ist eine wesentliche Voraussetzung für eine funktionierende Gesellschaft und für den sozialen Frieden. Und der ist auch in Vorarlberg auf Dauer keine Selbstverständlichkeit."