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»Darum müssen wir uns alle kümmern.«

Stand: Juni 2013

Wie reagiert die Politik auf den steigenden Bedarf an leistbaren Wohnungen? Wie hat sich der gemeinnützige Wohnbau im Laufe der Jahre verändert? Treiben Passivhausqualität und Barrierefreiheit die Baukosten nicht allzu sehr in die Höhe? Ein Gespräch mit Landeshauptmann Markus Wallner und Landesstatthalter Karlheinz Rüdisser.


Eine Analyse von Vision Rheintal hat ergeben, dass sich der gemeinnützige Wohnbau in Vorarlberg sehr ungleich verteilt. Woran liegt das?
Markus Wallner: Weil sich die Arbeitsplätze in den Ballungsräumen konzentrieren, ist dort natürlich auch die Nachfrage nach Wohnungen größer. Dazu kommt aber auch, dass es Gemeinden gibt, die sich schon länger ganz aktiv in der Entwicklung des gemeinnützigen Wohnbaus engagieren, während andere lange zurückhaltend waren. Inzwischen allerdings steigt die Bereitschaft für den gemeinnützigen Wohnbau in vielen Gemeinden stark an.

Woher kommt diese erhöhte Bereitschaft?
Markus Wallner: Dass Grundstücke immer knapper und teurer werden, hat zu einem völligen Strukturwandel in der Bebauung geführt – das Einfamilienhaus verliert, die verdichtete Bauweise gewinnt an Bedeutung. Das verhilft auch dem gemeinnützigen Wohnbau zu mehr Akzeptanz: Elf Gemeinden, in denen es bisher keinen gemeinnützigen Wohnbau gab, planen für 2013 und 2014 ihre ersten Anlagen.

Man will also in die Breite gehen. Warum?
Markus Wallner: Gemeinnütziger Wohnbau ist mit finanziellen und anderen Belastungen verbunden. Diese Belastungen sollen nicht einigen wenigen Gemeinden aufgebürdet, sondern möglichst gleichmäßig verteilt werden. Der Hauptgrund, warum wir mit dem gemeinnützigen Wohnbau mehr in die Breite gehen wollen, ist aber ein anderer: Junge Familien, die leistbaren Wohnraum suchen, sollten nicht gezwungen sein wegzuziehen, weil es in ihrer Gemeinde kein solches Angebot gibt.

Setzt eine möglichst gleichmäßige Verteilung nicht einen regionalen Blick und eine regionale Zusammenarbeit voraus?
Karlheinz Rüdisser: Das ist im Rheintal bereits im Entstehen. Über Vision Rheintal haben das Land Vorarlberg und die Bürgermeister, die im Regio-Team Rheintal vertreten sind, gemeinsam vereinbart, einen Zielekatalog zu erarbeiten. In diesem Zielekatalog geht es unter anderem darum, überall im Rheintal ein vernünftiges Angebot an gemeinnützigem Wohnbau zu schaffen und die Zusammenarbeit in diesem Bereich zu stärken.

Sollte es einen verpflichtenden Schlüssel geben, wie viele gemeinnützige Wohnungen eine Gemeinde pro 100 EW haben muss?
Karlheinz Rüdisser: Von dieser Verpflichtung halte ich nichts. Verbote und Vorschriften führen nicht wirklich zum Ziel, man muss von einer Sache überzeugt sein. Ausschlaggebend sind die Rahmenbedingungen in den einzelnen Gemeinden – und die sind in Alberschwende eben ganz anders als in Dornbirn. Es ist von den Baukosten her ein Unterschied, ob ich im alpinen Gelände baue oder in der Ebene. Außerdem braucht eine Anlage aus wirtschaftlichen Gründen eine gewisse Anzahl von Wohnungen, es muss also auch ein entsprechend großer Bedarf da sein.

Wie wird der Bedarf erfasst?
Markus Wallner: Die einzelnen Gemeinden haben Wohnungswerberlisten, auf die sich jeder setzen lassen kann, der in der jeweiligen Gemeinde entweder wohnt oder arbeitet, Bedarf an einer Wohnung hat und ein bestimmtes Einkommen nicht überschreitet. Diese Listen fließen dann bei der Wohnbauförderungsstelle des Landes zusammen.

Ist es nicht oft so, dass viele ihren Bedarf gar nicht melden, weil sie wissen, dass es in ihrer Gemeinde kein Angebot gibt?
Karlheinz Rüdisser: Ich würde den Leuten empfehlen, trotzdem zur Gemeinde zu gehen und den Bedarf zu melden. Die Leute müssen klar artikulieren, was sie wollen, damit man zu einer Lösung kommen kann. Gut ist natürlich auch, wenn die Gemeinden aktiv informieren und die Menschen aufmuntern, sich zu melden. Da ist aber durch die Verknappung von Grund und Boden ohnehin bereits ein Wandel zu spüren.

Der Bedarf an gemeinnützigen Wohnungen steigt deutlich. Wie reagiert das Land darauf?
Markus Wallner: Bisher haben wir 300–330 gemeinnützige Wohnungen pro Jahr gebaut, für 2013 und 2014 haben wir ein Bauprogramm von 500 Wohnungen beschlossen, wenn es notwendig ist, werden wir das auch in den Jahren danach weiterführen. Die Wohnbauförderung für den gemeinnützigen Wohnbau haben wir entsprechend um 11,5 Millionen Euro aufgestockt.

Trotzdem gibt es in Vorarlberg nach wie vor sehr viel weniger gemeinnützigen Wohnbau als in vielen anderen Teilen Österreichs. Woran liegt das?
Karlheinz Rüdisser: Zum Großteil an der unterschiedlichen Mentalität. Während viele Menschen gerne in einer Gemeindewohnung mit niedrigem Zins wohnen und mit dem Rest ihres Gehaltes gut leben, haben es die Vorarlberger eher in sich, Eigentum zu schaffen – was ich im Übrigen für eine sehr gute Charaktereigenschaft halte. 

Aber wer kann sich ein Eigenheim noch leisten?
Karlheinz Rüdisser: Auf Anhieb immer weniger, das stimmt. Grob geschätzt kostet eine neue Eigentumswohnung mit 70 oder 80 Quadratmetern zirka 300.000 Euro, das ist mit einem durchschnittlichen Einkommen schwer finanzierbar. Und da bekommt der gemeinnützige Wohnbau eineneue Rolle: Für einen Teil der Menschen ist er zwar nach wie vor eine Dauerlösung, für einen anderen Teil aber auch eine Übergangslösung: In der leistbaren gemeinnützigen Wohnungkann man sich die Basis für ein Eigenheim schaffen.

Der gemeinnützige Wohnbau hat nach wievor nicht das beste Image – zu Recht?
Karlheinz Rüdisser: Nein, absolut nicht zu Recht. Da hat sich in den letzten Jahren sehr, sehr viel getan. Die neueren Anlagen sind im Schnitt sehr viel kleiner als früher, möglichst gut an die Nahversorgung angebunden und die Bewohner sind meist eine gute Mischung aus verschiedenen Haushaltsgrößen, Generationenund Nationalitäten. Gemeinnützige Wohnanlagen sind heutzutage barrierefreie Passivhäuser, die sich auch bauphysikalisch nicht mehr vom privaten Wohnbau unterscheiden. Am Garnmarkt in Götzis beispielsweise stehen zwei Wohnblöcke nebeneinander, der eine ist privat, der andere gemeinnützig – Sie werden den Unterschied nicht erkennen. Und das halte ich für richtig.

Klein, zentral und gut durchmischt – das sind also die Garanten für einen funktionierenden gemeinnützigen Wohnbau?
Markus Wallner: Das sind Richtlinien, aber natürlich ist auch die individuelle Situation entscheidend. Wenn sie klein genug ist, ist eine Anlage auch am Siedlungsrand oft problemlos möglich, während im innerstädtischen Umfeld auch größere Anlagen gut funktionieren können. Und eine Anlage mit 12 Wohnungen muss keinen Querschnitt durch die gesamte Gesellschaft bieten, da findet die Durchmischung mit den umliegenden Siedlungen statt.

Passivhausqualität und Barrierefreiheit treiben die Kosten des gemeinnützigen Wohnbaus in die Höhe. Ist das gerechtfertigt?
Karlheinz Rüdisser: Um das genau zu klären, haben wir eine Reihe von Projekten gestartet. Wir beobachten zum Beispiel über einen längeren Zeitraum die Betriebskosten von zwei typengleichen Anlagen, von denen die eine im Passivhausstandard, die andere im ÖKO-III-Standard gebaut wurde. Unabhängig davon glaube ich, dass wir das ökologische Niveau generell halten, aber in Einzelfällen flexibel reagieren sollten. Wenn eine gemeinnützige Wohnanlage daran zu scheitern droht,dass sie zum Beispiel durch ihre Lage nur mit einem extremen Aufwand im Passivhausstandard errichtet werden kann, dann kann ich im Einzelfall auch einmal damit leben, dass sie kein reines Passivhaus ist. Ähnliches gilt für die Barrierefreiheit: In einer Anlage mit vier bis fünf Stockwerken kann ich nicht auf einen Lift verzichten, bei einer zweistöckigenAnlage, die drei Einheiten im Erdgeschoß unddrei im Obergeschoß hat, schon.

Wenn der Bedarf an gemeinnützigen Wohnungen weiter steigt, wird dann auch das Angebot immer weiter ausgebaut werden?
Markus Wallner: Ja. Wohnen ist eines der elementarsten Bedürfnisse des Menschen und darum müssen wir uns alle kümmern. Daran kommt die Politik nicht vorbei.


Gemeinnütziger Wohnbau früher: 42 Blöcke, 850 Wohnungen, 2.600 Menschen. Die Achsiedlung – die größte Siedlung Vorarlbergs – wurde in den 1970er-Jahren gebaut und liegt am Stadtrand von Bregenz.

Gemeinnütziger Wohnbau heute: Im Jahr 2010 wurde gleich neben der Kirche mitten im Dorfkern von Satteins eine kleine Anlage mit 11 Wohnungen fertiggestellt – barrierefrei und in Passivhausqualität.