"Das ist wie ein Mikrokosmos"
Stand: Juni 2013
Seit September 2012 ist Christoph Kirchengast Manager der REGIO Vorderland-Feldkirch. Wie erlebt der gebürtige Steirer »seine« Region? Was tut ein Regionalmanager eigentlich? Und welche Schwerpunkte prägen seine Arbeit in den nächsten Jahren?

Was genau ist ein Regionalmanager? Ein Koordinator? Ein Berater? Ein Therapeut?
Christoph Kirchengast: Ich sehe mich als Koordinator des Gesamtprozesses. Als Bindeglied zwischen Politik, Verwaltung und Bevölkerung. Und als denjenigen, der die Beschlüsse, die im Vorstand gefasst werden, zur Umsetzung bringt. Dabei vertrete ich nicht die Interessen der 13 einzelnen Gemeinden, sondern die Schnittmenge der gemeinsamen Interessen. Eine Region ist etwas anderes als die Summe ihrer Gemeinden.
Braucht eine Region einen Manager?
Christoph Kirchengast: Ich denke, die Stelle eines neutralen Regionalmanagers zu schaffen, war dringend nötig und wird einen Schub an Professionalisierung bringen, denn die Bürgermeister sind auch ohne REGIO-Agenden voll ausgelastet.
Im Gemeindeamt Sulz wird im Sommer 2013 ein »Regiozentrum« eröffnet. Gab es Standortdiskussionen?
Christoph Kirchengast: In diesem "Regiozentrum" im Erdgeschoß des Gemeindeamtes Sulz sollen Baurechtsverwaltung, Finanzverwaltung und mein Büro zusammengeführt werden. Ähnlich wie amKumma gab es auch bei uns heftige Standortdiskussionen. Das halte ich für ganz normal. Man hat sich dann auf Sulz geeinigt, weil die Meinung überwiegt, dass nicht immer alle Strukturen in den größten Gemeinden sein sollten. Zudem liegt Sulz sehr zentral und ist für alle BürgerInnen gut erreichbar.
Wie erleben Sie das Verhältnis der Berg- und Talgemeinden zueinander?
Christoph Kirchengast: Im Dezember 2008 hat Johann Bröthaler von der TU Wien bei einer Veranstaltung von Vision Rheintal in Götzis einen Vortrag über Kommunalsteuer und Finanzausgleich gehalten. Dieser Vortrag hatte große Wirkung, die Folien kursieren heute noch. Nicht zuletzt durch diesen Vortrag sind sich die Hanggemeinden bewusst, dass sie von positiven Entwicklungen wie Betriebsansiedlungen im Tal mitprofitieren – auch finanziell. Dieses Bewusstsein ist ein großer Erfolg. Ich denke aber, dass es auch den umgekehrten Schritt noch braucht: Wie setzt man die Kulturlandschafts- und Naherholungsfunktion in Wert? Welchen Beitrag leisten wir hier unten zur Erhaltung der Skilifte und Wanderrouten da oben? Das muss nicht immer ein monetärer Beitrag sein, da gibt es auch andere Möglichkeiten.
Hört Ihre Arbeit an den Grenzen der REGIO auf?
Christoph Kirchengast: Auf keinen Fall! Der regionale Gedanke kann nicht an den Grenzen der jeweiligen Region aufhören, dann hätten wir nur wieder neue Kirchtürme, die vielleicht ein wenig höher sind als die alten. Wir treffen uns mittlerweile in der Runde der Vorarlberger RegionalmanagerInnen zum regelmäßigen Informations- und Ideenaustausch. Das Befruchtungspotenzial zwischen den Regionen ist enorm: Wir haben zum Beispiel gerade ein Konzept für Kindergarten-Springerdienste beschlossen, das im Walgau entwickelt wurde. Das nicht neu erfinden zu müssen, war ein riesengroßer Vorteil für uns.
Apropos Kindergarten: Welchen Stellenwert nimmt das Thema Kinderbetreuung im Vorderland ein?
Christoph Kirchengast: Neben den Themen Energie, Naherholung und Nahversorgung ist auch die Kinderbetreuung eines unserer Schwerpunktthemen für die kommenden Jahre. Da gilt es, eine permanente Arbeitsgruppe zu formieren, die sich um die strategische Planung und auch um viele kleine Schritte kümmern soll: um die Harmonisierung der Kindergartentarife, um einheitliche Öffnungszeiten, um regioweit gleiche Verträge für Pädagoginnen, die auch einen Dienstortwechsel zulassen. Langfristig könnte das Ziel sein, die Kinderbetreuung regional zu organisieren und zu verwalten. Zunächst einmal werden wir aber einen Springerdienst installieren und im Sommer 2013 erstmals eine regioweite Ferienbetreuung anbieten.
Wie sieht diese Ferienbetreuung aus?
Christoph Kirchengast: Es ist ein Betreuungsangebot für drei- bis zehnjährige Kinder, das sich in ein Vormittags-, ein Mittags- und ein Nachmittagsmodul gliedert und von Montag bis Freitag zwischen 7.15 und 16 Uhr zur Verfügung steht. Die Einrichtungen in Feldkirch und Rankweil öffnen sich für Kinder aus anderen Gemeinden der Region, mit Klaus und Sulz kommen zwei neue Stützpunkte dazu, die nicht nur regional zugänglich sind, sondern auch regional betrieben werden. Mit diesem Pilotprojekt betreten wir in vieler Hinsicht Neuland. Es wurde und wird dabei einiges an Grundlagenarbeit bezüglich administrativer, organisatorischer, finanzieller und rechtlicher Aspekte geleistet. Künftige Kooperationsprojekte im Bereich Kinderbetreuung werden darauf aufbauen können.
Was reizt Sie an der Region Vorderland-Feldkirch?
Christoph Kirchengast: Mit ihrem Spannungsfeld zwischen Berg und Tal, zwischen Stadt und Land ist die Region so komplex wie keine andere, in ganz Österreich findet sich meines Wissens nichts Vergleichbares. Da stehen sich Feldkirch mit 33.000 Einwohnern und Viktorsberg mit 370 Einwohnern gegenüber. Das ist wie ein Mikrokosmos.
Ist das ein Vorteil oder ein Nachteil?
Christoph Kirchengast: Von beidem etwas. Es macht die Arbeit zwar aufwändiger, birgt aber auch die Chance, etwas sehr Nachhaltiges auf die Beine zu stellen: einen Lebensraum, in dem man von den wirtschaftsstarken Talgemeinden bis zur Naherholung in den Hanggemeinden alles vorfindet, was man braucht. Und noch einiges mehr.

