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Exkursion nach Tübingen: Vielfalt und Lebensqualität trotz hoher Siedlungsdichte

6. Mai 2011
aus der Veranstaltunsreihe "Das Quartier der Zukunft"

Die Siedlungsentwicklung ist eines der Kernthemen von Vision Rheintal. Wie kann trotz zunehmender Siedlungsdichte mehr Lebensqualität in unseren Städten und Gemeinden entstehen? Dieser Frage begegnet Vision Rheintal mit dem Themenschwerpunkt "Das Quartier der Zukunft" und lud am 6. Mai 2011 zur Exkursion nach Tübingen, in eine Stadt, die als Musterbeispiel für innovative Stadtentwicklung gilt. 23 Raum- und Verkehrsplaner, Architekten, Politiker und Interessierte holten sich Impulse aus der gelungenen Entwicklung der neuen Quartiere in der Südstadt.

"In Tübingen wurde sehr gefühlvoll auf die Geschichte und die Wirkung der Orte Bezug genommen. Von den Beispielen können wir lernen, mehr in Stadträumen als in Gebäuden zu denken", erläutert Wilfried Bertsch, Leiter der Vorarlberger Raumplanung das Exkursionsziel.

Ein Glücksfall

Neben einer lebendigen Altstadt und den attraktiven Halbhöhenlagen im Norden war in der Tübinger Südstadt bis 1991 einer der größten Militärstandorte in Deutschland. Hier wurde alles angesiedelt, was sonst niemand wollte: Mietskasernen mit Sozialwohnungen, Bau- und Einkaufsmärkte, die Stadtwerke und der Güterbahnhof. Als 1991 die französischen Truppen abzogen, galt das Gebiet als besonders unattraktiv, obendrein war es durch Bundesstraßen, Neckar und Eisenbahnlinie regelrecht vom Rest der Stadt abgeschnitten.

Die Universitätsstadt mit 80.000 Einwohnern hat sich bereits in den 90iger Jahren des 20. Jahrhunderts entschieden, die Siedlungsränder nicht weiter auszudehnen. Das umliegende Hügelland sollte als Naherholungsraum erhalten bleiben. Die Räumung des Quartiers im Süden nützte der damalige innovative Baubürgermeister Andreas Feldtkeller um den dringend notwendigen Wohnraum zu schaffen. Das 62 Hektar große Gebiet wurde dem Bund als "städtebaulicher Entwicklungsbereich" abgekauft.

So wie in der Altstadt sollten auch im Süden Quartiere entstehen, in denen wohnen, arbeiten, einkaufen und ausgehen nebeneinander Platz haben - ein urbanes Gefüge, das sich durch Vielfalt und Dichte in Nutzung und Gestaltung auszeichnet, das kleinteilig und lebendig ist: eine Stadt der kurzen Wege.

Gestaltungsspielraum

Mit viel Engagement der Kommune und dem Mut zu innovativen Prozessen entstanden in den vergangenen 15 Jahren vielfältige und lebendige Quartiere, die heute trotz sehr hoher Siedlungsdichte als Wohn- und Arbeitsgebiete begehrt sind. Das Loretto-Areal war Mitte der neunziger Jahre das erste städtebauliche Projekt in der Südstadt von Tübingen.

Als innovativer Denkansatz liegt der Entwicklung dieser Stadtteile das Modell der Baugemeinschaften zugrunde. Mehrere Bauherren gemeinsam konnten eine Parzelle kaufen und darauf ihr eigenes Wohnhaus bauen – deutlich unter den Kosten für Bauträgerwohnungen in Tübingen. Dabei waren die Parzellen in ihrer Größe nicht fix vorgegeben, sondern definierten sich im Prozess. In städtischer Verdichtung entstanden so sehr individuelle und auf die Bedürfnisse der einzelnen Baugemeinschaft abgestimmte Baukörper. 

Nach dem Vorbild des Loretto-Areals wurden mittlerweile auch das Französische Viertel, und das Mühlenviertel realisiert. "Die Bürger in dieser Form an der städtebaulichen Entwicklung zu beteiligen, ist eine hohe Anforderung an die Stadtverwaltung. Gut durchdachte Masterpläne, ein offenes Ohr und die Bereitschaft aus Erfahrungen zu lernen, sind wichtige Voraussetzungen, damit solche Entwicklungen gelingen", weiß der jetzige Baubürgermeister Cord Soehlke aus Tübingen. 

Außenräume nützen, Verkehr reduzieren

Grünflächen und die Reduzierung des Verkehrs erhöhen die Lebensqualität. Das zeigen auch die neuen Stadtteile in Tübingen: "Im Masterplan für das Loretto-Areal, das Französische Viertel und das Mühlenviertel haben wir im Bebauungsplan eine Blockrandbebauung vorgegeben", erläutert Soehlke. Durch die Anordnung der Baukörper an den Außenkanten der Baufläche, entstehen im Zentrum Innenhöfe. "Sie dienen als grüne Oasen und fördern durch die gemeinsame Nutzung das soziale Miteinander."   

Eine weitere Vorgabe: Parkgaragen am Rande des Areals sollen den Verkehr im Kern des Quartiers reduzieren. "Jeder kann mit dem Auto bis zum Wohnhaus fahren und ein- und ausladen. Geparkt werden die Autos aber am Rand des Areals", erklärt Soehlke. Das habe dazu geführt, dass so mancher Bewohner heute ganz auf das Auto verzichtet. Carsharing sei hier eine gute Alternative zum eigenen Auto. "Auch ich selbst besitze kein Auto. Der öffentliche Verkehr ist gut ausgebaut und alle alltäglichen Dinge bekommt man direkt im Areal. Ein Auto ist somit nur lästig."   

Impulsgeber

Wilfried Bertsch sieht die Stadtentwicklung in Tübingen als Impulsgeber für das Rheintal: "Die Baugemeinschaften sind eine interessante Möglichkeit, die Bürgerinnen und Bürger verstärkt in die Entwicklung mit einzubeziehen und hohe Lebensraumqualität in dichter besiedelte Ortskerne zu bringen."



Die Veranstaltungsreihe wurde unterstützt von: