Meinrad Pichler

Historiker, studierte Germanistik und Geschichte (Lehramt) an der Universität Wien.

Von 1972 bis 1994 Lehrer an BRG Dornbirn Schoren, von 1994 bis zu seiner Pensionierung 2010 Direktor des BG Bregenz ­Gallusstraße. Seit 1978 hat er neben seiner Unterrichtstätigkeit über 100 Publikationen zu landesgeschichtlichen und literarischen Themen mit den Schwerpunkten Emigration aus Vorarlberg, NS­Zeit, Kultur­ und Alpgeschichte, Schweiz­ Anschluss und biografische Porträts veröffentlicht. 2014 erhielt er den Wissenschaftspreis des Landes Vorarlberg.

Alle Interviews auf einen Blick

"Was von Planung übrig bleibt. Dichte: Vom konstruktiven Umgang mit Widerständen" ist Themenschwerpunkt unseres Magazins "Vision Konkret" Oktober 2015. Lesen Sie alle sieben Interviews in unserer Webausgabe. Hier als Download.

Das Glück im Kleinen.

Meinrad Pichler, Historiker und Autor von über 100 Publikationen zu landesgeschichtlichen und literarischen Themen, zum Thema »Wohnen und Siedeln in Vorarlberg« aus historischer Sicht.

Vision Konkret: Bestehen historische Gründe, die Innovation im Sinne der Siedlungsformen behindern – und wenn ja, welche?

Meinrad Pichler: Natürlich gibt es eine lange Traditionsbildung, die Innovationen im Wohn- und Siedlungsbau erschwert. Erstens hat die bäuerliche Wohnform des Einzelhofes die Vorstellung des Wohnbaus auch in der nicht-bäuerlichen Welt nachhaltig geprägt. Zudem blieben viele, die in der Industrie arbeiteten, mit einem Bein in der Landwirtschaft, weil sie diesen Zuerwerb zur Sicherung des Lebensunterhalts benötigten.

Eine zweite Traditionsschiene bildete die Politik der Christlich-Sozialen, die sich lange gegenüber dem Siedlungsbau skeptisch bis ablehnend verhielten. In konzentrierten Wohnbauten, so die Befürchtung, wachse die Proletarisierung und die Hinwendung zur Sozialdemokratie. Erst als in den 1950er Jahren der enorme Bedarf an Wohnungen per Einfamilienhaus nicht mehr abzudecken war, wurden sogenannte Wohnblöcke errichtet. Schließlich ist das eigene Haus als Statussymbol und für das Bewusstsein, eigener Herr im Haus zu sein, sich selbstständig ausbreiten und bewegen zu können, mentalitätsmäßig tief verankert.

Welche Ansätze und Rahmenbedingungen müssten wie verändert werden, um Innovation zu fördern?

Verdichtetes Wohnen müsste attraktiver gemacht werden. Es müsste vermutlich die Förderungspolitik durch die öffentliche Hand noch gezielter auf verdichtete Wohnformen ausgerichtet werden. Und es müsste dem weit verbreiteten Vorurteil, dass Wohnanlagen konfliktbeladene soziale Brennpunkte bilden, mit einer zugkräftigen medialen Offensive begegnet werden. Vermutlich wird die Öffentlichkeit eines Tages regulierend in den Boden- markt eintreten müssen und so verdichtetes Bauen erschwinglich und das Eigenheim dem teuren Markt überlassen.

Welche Hindernisse, Unwägbarkeiten, Fallen sind zu berücksichtigen?

Das Eigenheim und das Auto sind nach wie vor tief verankerte Symbole für Selbstständigkeit, für das »Es-geschafft-haben«, für selbst herstellbares Glück im Kleinen. Ohne eine tiefgreifende Werteverschiebung und ordnende Eingriffe der öffentlichen Hand wird eine innovative Wohnungspolitik nicht erfolgreich sein können. Siedlungs- und Verkehrsplanung müssen als verschränkte Problemfelder begriffen werden.

Danke für das Gespräch!