Sie sind hier: Themen / Qualitätsvolle Innenentwicklung / Vom konstruktiven Umgang mit Widerständen / Dichte als solche ist weder gut noch schlecht.

Margrit Hugentobler

ist Soziologin und arbeitet seit 1992 am ETH Wohnforum – ETH CASE als wissenschaftliche
Mitarbeiterin. Seit 2009 leitet sie die Forschungsstelle. Von 1980 bis 1992 studierte und forschte sie an der University of Michigan in Ann Arbor (USA).

Alle Interviews auf einen Blick

"Was von Planung übrig bleibt. Dichte: Vom konstruktiven Umgang mit Widerständen" ist Themenschwerpunkt unseres Magazins "Vision Konkret" Oktober 2015. Lesen Sie alle sieben Interviews in unserer Webausgabe. Hier als Download.

Dichte als solche ist weder gut noch schlecht.

Margrit Hugentobler, Soziologin und Leiterin des ETH Wohn­ forums in Zürich, über die sozialen Aspekte der Verdichtung.

Vision Konkret: Was steckt hinter dem Begriff der »sozialen Dichte«?

Margrit Hugentobler: Soziale Dichte ist immer auch Interaktionsdichte. Es geht um das Potenzial der Vielfalt von Begegnungen und Kontakten, die soziale Beziehungen charakterisieren. Soziale Dichte ermöglicht auch Infrastruktur, d.h. was Sie alles in einer Umgebung tun können, wie Einkaufen oder verschiedenste andere Dienstleistungen sowie soziale und kulturelle Angebote nutzen. Soziale Dichte ist nicht per se attraktiv, wenn dies bedeutet, viele Menschen leben auf engem Raum zusammen oder müssen sich begegnen, ob sie wollen oder nicht.

Welche Qualität braucht soziale Dichte?

Soziale und bauliche Dichte stehen in Beziehung zueinander und sollten sich sinnvoll ergänzen. Denn auch hier gilt: Bauliche Dichte ist nicht per se gut. Es geht nicht nur um die Merkmale und Anordnung von Gebäuden, sondern sehr stark auch um die halböffentlichen und öffentlichen Räume, die unsere Häuser und unsere Quartiere kennzeichnen und zueinander in Bezug setzen. Natürlich ist guter Wohnraum wichtig, aber gut gestalteter, vor allem öffentlicher Raum ebenfalls.

Welche Faktoren begünstigen soziale Dichte?

Der demografische Wandel – z.B. die zunehmende Zahl älterer Menschen, berufstätiger Mütter und alleinerziehender Elternteile – spricht für eine qualitätsvolle Verdichtung. Ein langfristiges Thema bleibt der Bedarf nach leistbarem Wohnungsbau – und der ist oft günstiger, wenn er relativ dicht erstellt wird Auch die hohen Mobilitätskosten des Privatverkehrs sprechen dafür. Letztlich geht es auch um die Erkenntnis, dass wir mit einer weiteren Zersiedelung gerade diejenigen Qualitäten zerstören, welche unseren Lebensraum unter anderem so attraktiv machen: Flusslandschaften, Wälder, Grünzonen und Parklandschaften.

Was können Politik und Raumplanung in diesem Zusammenhang tun?

Für die Politik heißt es, über die Gemeinde- grenzen hinauszudenken, eine Vision zu entwickeln, die Bevölkerung mitzunehmen. Auch den Weg der kleinen Schritte zu gehen. Zu schauen, wo welche Qualitäten ergänzt werden können. Denn die Herausforderung qualitativer Innenentwicklung ist ja auch, mit dem umzugehen, was wir schon haben. Ganz wichtig ist, dass wir Stadt-, Siedlungsentwicklung und Sozialplanung als eine Einheit begreifen. Also nicht zu sagen: Die einen kümmern sich um die sozialen Aspekte des Lebens und die anderen kümmern sich um die Siedlungsentwicklung. Beide gehören unbedingt stärker verknüpft.

Vielen Dank für das Gespräch!